Warum es für Frauen wichtiger ist, sich angenommen zu fühlen und was das für ihren Selbstwert bedeutet

Juli 31, 2024 | 0 Kommentare

Jedermann wird zugestehen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Wir sehen es in seiner Abneigung gegen Einsamkeit sowie seinem Wunsch nach Gesellschaft über den Rahmen seiner Familie hinaus. – Charles Darwin 

Das oben angeführte Zitat ist vielen Leser:innen in seiner abgekürzten Version sicherlich besser bekannt: „der Mensch ist ein soziales Wesen“. Das Wort „Sozial“ ist hierbei in verschiedene Richtungen lesbar, bspw. kann es sich auf das Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft beziehen, auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Gesellschaft oder auf die Regelung und Förderung menschlicher Beziehungen in der Gemeinschaft. 

In der Lesart der beiden letzteren Deutungen, also der Zugehörigkeit und der Regelung von Beziehung, ist auch die Begrifflichkeit des „Sich sozial akzeptiert fühlen“ zu verstehen. 

Das Bedürfnis nach Akzeptanz

Sich innerhalb des eigenen sozialen Umfeldes akzeptiert und sich als ein Teil einer Gruppe zu fühlen, geliebt und angenommen zu werden ist ein grundlegendes Bedürfnis, das jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, verspürt.  

Dieses Gefühl stellt eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse dar (Bindung) und ist im Grunde seit Anbeginn der Zeit in uns Menschen verankert. Evolutionär gesehen (um bei Charles Darwin zu bleiben 😉 ) war es seit Beginn der menschlichen Frühgeschichte nämlich nicht nur angenehm oder hilfreich sich als Teil einer Gruppe zu wissen, stabile soziale Beziehungen und die Schaffung eines unterstützenden und schützenden Umfelds waren für die Existenz und das Überleben elementar. Im Schutze der Gruppe konnten deren Mitglieder gemeinsam den Widrigkeiten und Gefahren des Urzeit-Lebens besser entgegentreten, sich verteidigen und so das eigene Überleben, die Versorgung und das Gedeihen von sich selbst und der Nachkommen gewährleisten. 

Sich angenommen fühlen und unser Selbstwert 

In den meisten heutigen Gesellschaften sind soziale Beziehungen zwar nicht mehr überlebensnotwendig, sie können jedoch in anderer Weise für uns wichtig sein. So beispielsweise auch für unseren Selbstwert. Wie bereits erwähnt ist das sich angenommen Fühlen ein psychologisches Grundbedürfnis. Die „Attachment Theory“ (Bindungstheorie) nach John Bowlby beschreibt bspw., dass sichere und unterstützende Bindungen in der Kindheit zu einem stabilen Selbstwertgefühl im Erwachsenenalter führen.  

Gleichzeitig ist es auch ein Teilaspekt einer der 5 Säulen des Selbstwerts, nämlich der Säule „Soziales Eingebundensein“.  Wir erinnern uns: Diese Säule beschreibt einerseits die Fähigkeit sich in sozialen Beziehungen und Kontexten adäquat verhalten zu können und andererseits auch das Wissen, dass man in positiven sozialen Beziehungen zu anderen Menschen steht und Unterstützung von diesen erfährt.  

Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie von oder innerhalb ihrer sozialen Gruppen akzeptiert werden, stärkt dies ihr Selbstwertgefühl und ihr emotionales Wohlbefinden. 

Unterschiede darin, woraus Frauen und Männer ihr Selbstwertgefühl ziehen 

Zwar ist das Bedürfnis nach Akzeptanz innerhalb des sozialen Umfelds in jeder und jedem von uns verankert, es gibt jedoch geschlechterspezifische Unterschiede in Bezug darauf woraus Männer und Frauen ihren Selbstwert ziehen.  

Für Männer sind berufliche Erfolge und persönliche Leistungen oft zentrale Quellen ihres Selbstwertgefühls. Männer fühlen sich oft vor allem dann wertgeschätzt, wenn sie ihre Kompetenz und Stärke unter Beweis stellen können.  

Frauen hingegen beziehen ihr Selbstwertgefühl stärker aus der Qualität ihrer sozialen Beziehungen. Anerkennung und Wertschätzung durch Familie und Freund:innen spielen eine zentrale Rolle. Frauen fühlen sich eher dann wertgeschätzt, wenn sie in der Lage sind, positive und unterstützende Beziehungen aufrechtzuerhalten. Doch warum spielen soziale Beziehungen gerade für Frauen eine größere Rolle? Ist es möglicherweise doch eine Sache der Evolution? 

Nach bisheriger langläufiger Meinung haben Frauen im Laufe der Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle als Pflegerinnen und Betreuerinnen innerhalb der damaligen sozialen Gefüge gespielt. In Jäger- und Sammlergesellschaften der Frühgeschichte des Menschen waren sie demnach häufig für die Aufzucht der Kinder und die Pflege der Gemeinschaft verantwortlich. Stabile soziale Beziehungen und die Schaffung eines unterstützenden und schützenden Umfelds waren in dieser Zeit nicht nur ratsam, sondern regelrecht überlebenswichtig für die gesamte Gemeinschaft. In diesem Umstand könnte eine erste Erklärung liegen, warum Frauen auch heutzutage noch eine stärkere Tendenz haben, harmonische und stabile soziale Beziehungen zu pflegen.  

Dies mag einleuchtend klingen, die These als solche ist, allerdings mittlerweile überholt. Neueste Studien haben nämlich aufgezeigt, dass in einer Vielzahl von Jäger- und Sammlergesellschaften der Frühgeschichte auch Frauen gejagt haben und Männer sich um das Großziehen der Nachkommen gekümmert haben. Das alte Bild der Urzeit-Männer als reine Jäger und Urzeit-Frauen als pure Sammlerin ist daher nicht nur widerlegt, sondern auch als Erklärungsansatz für die geschlechterspezifischen Unterschiede nur bedingt geeignet. 

Ein anderer Erklärungsansatz für diese Tendenz könnte in sozialen Normen und kulturellen Einflüssen zu finden sein. Die Fähigkeit, Ziele zu erreichen oder in Wettbewerb miteinander zu treten und aus diesem im Idealfall als Sieger zu hervorzugehen, wird bspw. in vielen Kulturen als männliche Tugend betrachtet und Jungen schon von klein auf mitgegeben. 

Frauen hingegen werden oft schon als Mädchen im Kinder- oder Jugendalter dazu ermutigt, empathisch und fürsorglich zu sein, was dazu führen kann, dass sie sich stärker mit ihren sozialen Beziehungen identifizieren. Diese letztlich auf normativen Rollenbildern beruhende Erwartung kann dazu führen, dass Frauen soziale Beziehungen als zentrale Quelle ihres Selbstwertgefühls betrachten. Dies kann sich je nach sozialem Umfeld – sei es das Elternhaus, der Freundes- oder gar Kulturkreis, in dem man aufwächst – erheblich unterscheiden und entsprechende Muster weiter begünstigen. Als Folge werden Mädchen dazu erzogen, ob gewollt oder nicht, ihren Selbstwert an das „Außen“ bzw. an andere Menschen und ihre Umgebung zu knüpfen und sich dadurch von dessen Bewertung abhängig zu machen. 

Frauen, die sich treffen und gemeinsam Zeit verbringen

Die Schwierigkeit, „Nein“ zu sagen und Grenzen zu setzen 

Diese Tendenz, sich eher mit den eigenen sozialen Beziehungen zu identifizieren, kann jedoch dazu führen, dass Frauen eher darauf bedacht sind, akzeptiert und geschätzt zu werden. Aus Angst vor Ablehnung oder gar vor dem Verlust wichtiger sozialer Beziehungen versuchen sie Konflikte zu vermeiden, Harmonie zu wahren und haben Schwierigkeiten klare Grenzen zu setzen. Das Setzen von Grenzen, die Fähigkeit „Nein“ sagen zu können und das Ausdrücken eigener Bedürfnisse sind jedoch essenziell für die psychische Gesundheit und damit eben auch für den Selbstwert. Um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und klare Grenzen setzen zu können, ist es wichtig, dass Frauen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. 

Was kann Frau tun um sich der eigenen Bedürfnisse bewusster zu werden, um sich so einerseits unabhängiger von der Anerkennung und Meinung anderer zu machen und andererseits lernen Grenzen zu setzen und damit ihren Selbstwert stärken? Hier sind einige Tipps: 

  • Spüre deinen Bedürfnissen nach: frage dich regelmäßig in unterschiedlichen Situationen: was ist das Bedürfnis, das ich gerade verspüre bzw. entspricht das, was ich aktuell tue oder worum andere mich bitten tatsächlich meinem eigenen Bedürfnis? So erhältst du nach und nach ein besseres Gefühl dafür, was du wirklich möchtest, und wirst dies auch besser kommunizieren können.  
  • Handle nach deinen Bedürfnissen: dies ist sozusagen aufbauend auf dem ersten Punkt. Wenn du dir deinem jeweiligen Bedürfnis bewusst bist, kannst du entsprechend danach handeln. Auf den jeweiligen Moment bezogen mag dies banal erscheinen, doch in Summe führt jede Situation, in der du so handelst, einen weiteren Schritt in Richtung eines selbstbestimmteren und von der Akzeptanz deines sozialen Umfelds unabhängigeren Lebens
  • Verwende Ich-Botschaften: durch das Verwenden von Ich-Botschaften erhalten Gespräche einen neutraleren und weniger anklagenden Ton. Wenn es z.B. in einem Gespräch oder Diskussion mit einer Freundin etwas hitzig wird, könntest du anstatt: „Du bist voll gereizt“ folgendes sagen „Ich habe das Gefühl, dass du gereizt bist?!“. So klingt dein Eindruck nicht wie ein Vorwurf, was das Gespräch weiter eskalieren lassen könnte, und gleichzeitig teilst du deine eigene Meinung mit. Mit dem Kommunizieren in Ich-Botschaften grenzt du dich auch verbal gesehen ein Stück weit vom „Außen“ ab und kannst so besser deine eigene Meinung und Bedürfnisse kommunizieren. 
  • Vertraue in deine Beziehungen: mache dir bewusst, welche Beziehungen innerhalb deines sozialen Umfelds es sind, die wirklich verlässlich und loyal sind. Dies sind die Beziehungen, die es „verkraften“ werden, wenn du dich nach und nach mehr abgrenzt und für dich einstehst, auch wenn du meinst, du könntest sie dadurch gefährden. 
  • Sei dir selbst die wichtigste Beziehung: Der einzige Mensch, dem du gefallen solltest, bist du selbst, und sonst niemand. Das bedeutet nicht, dass du nicht auch anderen gefallen kannst – natürlich wird es viele Menschen in deinem sozialen Umfeld geben, die dich mögen. In letzter Instanz ist es aber wichtig, dass du selbst dich akzeptierst. Dies schafft die Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl und ermöglicht es dir dich mehr abzugrenzen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Frauen legen oft einen größeren Wert auf soziale Beziehungen und das Gefühl der Akzeptanz und nutzen dies eher als Quelle für ihr Selbstwertgefühl. Diese Tendenz ist, wie wir gesehen haben, tief in sozialen und kulturellen Faktoren verwurzelt. Das Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz kann jedoch dazu führen, dass Frauen Schwierigkeiten haben, „Nein“ zu sagen und klare Grenzen zu setzen. Indem Frauen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sich mehr von dem Bedürfnis nach Akzeptanz durch Andere abgrenzen, können sie ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln und ihre sozialen Beziehungen auf eine ausgewogene und erfüllende Weise gestalten. 

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Hi,

ich bin Isabelle, Coachin, Beraterin für Eignungsdiagnostik und Gründerin von Female Confidence. Als Expertin in Sachen Selbstwert und positive Psychologe ist es mir eine Herzensangelegenheit Frauen zu empowern und sie mit meinem Wissen, meiner Erfahrung und Expertise auf dem Weg zu mehr Selbstliebe und Selbstbewusstsein zu begleiten.