Selbstmitgefühl – wie diese innere Einstellung uns stärker macht
Woran denkst du, wenn du das Wort „Mitgefühl“ hörst? Möglicherweise an Familienmitglieder oder Freund:innen, denen es schlecht geht und in deren Situation du dich hineinversetzen kannst? Vielleicht aber auch umgekehrt an das Gefühl, das dir widerfährt, wenn du in einer misslichen Lage bist und andere dir auf empathische und einfühlsame Weise gut zusprechen – Dies sind typische Situationen, in denen Mitgefühl gezeigt wird. Vielleicht lässt sich hier schon eine Tendenz erkennen: Mitgefühl ist für gewöhnlich etwas „im Außen“, etwas, das wir entweder von anderen erhalten, wenn wir in einer unschönen Lage sind oder etwas, dass wir selber verspüren und unseren Mitmenschen entgegenbringen, wenn wir eben „mit ihnen fühlen“.
Aber hast du auch schon einmal vom sog. „SELBSTmitgefühl“ gehört?
Was verbirgt sich hinter diesem Selbstmitgefühl?
Wie der Name schon vermuten lässt, ist das Selbstmitgefühl – anders als das gewöhnliche Mitgefühl – nicht nach Außen, sondern nach Innen – auf uns selbst – gerichtet. Was bedeutet das konkret?
Zunächst einmal eine kurze Einordnung des Konstrukts. Wenn wir uns die 5 Säulen des Selbstwerts noch einmal vor Augen führen, dann lässt sich das Selbstmitgefühl der Säule „Selbstfürsorge“ zuordnen. Die Selbstfürsorge ist hierbei einerseits das Vermögen sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern und sich in dem Zuge auch von Dingen abzugrenzen, die dieses Wohlbefinden mindern und andererseits ein Verhalten sich in schwierigen Situationen oder bei eigenen Fehltritten mitfühlend und nicht-verurteilend zu begegnen. Das Selbstmitgefühl setzt insbesondere bei diesem zuletzt genannten Aspekt an.
Die Forscherin und Professorin für Psychologie Kristin Neff befasst sich seit vielen Jahren mit dem Selbstmitgefühl und hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Konstrukt in der westlichen Psychologie immer mehr Aufmerksamkeit erhält.
Neff beschreibt Selbstmitgefühl als eine innere Einstellung, die von 3 wesentlichen Aspekten charakterisiert wird:
- Freundlichkeit sich selbst gegenüber, speziell in Zeiten schwieriger Lebenserfahrungen. Damit ist gemeint, dass man liebevoll und akzeptierend mit sich selbst umgeht, so wie eine gute Freundin mit mir umgehen würde, also analog zum eigentlichen Mitgefühl. Dazu gehört auch, sich eigene Fehler und Grenzen zu vergeben und sich als Mensch mit allen guten wie schlechten Facetten, wenn man das so bewerten möchte, zu akzeptieren.
- Gefühl der Verbundenheit mit allen Menschen à Verbundenheit meint in diesem Zusammenhang sich als Bestandteil eines großen Ganzen zu verstehen, sei es der Welt, der Menschheit oder des Universums. Aus dieser Annahme heraus entsteht auch ein Gefühl von „ich bin nicht allein, ich bin mit meinen Gefühlen und meinen Sorgen nicht allein und anderen Menschen ergeht es ebenso“. Insofern meint Verbundenheit in diesem Zusammenhang vor allem auch das Gegenteil von „sich isoliert fühlen“. Gefühlte Isolation ist übrigens ein Aspekt von Selbstmitleid, das wiederum nicht mit Selbstmitgefühl verwechselt werden darf. Beim Selbstmitleid legt eine Person den Fokus auf sich selbst und erlebt sich als anders bzw. „schlechter dran“ als andere, was dann das Gefühl der Isolation nährt. Im Selbstmitgefühl hingegen nimmt die Person auch bei schwierigen Situationen eine gewisse Distanz ein, die unter Umständen eine andere Perspektive ermöglicht und fühlt sich dagegen grundsätzlich stärker mit anderen Menschen verbunden
- Achtsamkeit beschreibt die Praxis, die eigene Aufmerksamkeit darauf zu richten, was „ist“ bzw. anzuerkennen, was ist, ohne es ändern, bewerten, oder ver-/beurteilen zu wollen. Der Fokus der eigenen Aufmerksamkeit richtet sich dabei also auf das „Hier und Jetzt“, auf den aktuellen Moment. Man spricht daher auch bei Achtsamkeit vom „Im Moment sein“. Ursprünglich ist diese Praxis stark im Buddhismus verankert, hat jedoch in den letzten Jahrzehnten auch immer mehr Einzug in die westliche Welt gefunden und findet immer mehr Anhänger:innen.
Selbstmitgefühl umfasst also eine positive, wertschätzende Betrachtung des eigenen Selbst. Dabei geht es aber eben nicht nur um die positiven Aspekte, sondern auch um die mitfühlende Akzeptanz der Aspekte des Selbst, die als negativ betrachtet werden und dem sich dabei möglicherweise ergebende Erleben von negativen Emotionen. Auch diese werden als Teil des Lebens und der persönlichen Erfahrungswelt akzeptiert.
Wer Selbstmitgefühl praktiziert, aktiviert und kultiviert Gefühle von Wärme und Freundlichkeit. Das Selbstmitgefühl ist daher, wie wir schon gelernt haben, eng verwandt mit dem Mitgefühl mit anderen.

Das SelbstMITgefühl und das SelbstWERTgefühl
Wir haben bereits gelernt, dass sich das Selbstmitgefühl zur Säule „Selbstfürsorge“ zuordnen lässt, die ja wiederum eine der 5 Säulen des Selbstwerts darstellt.
Wie hängen nun diese beiden Konstrukte – Selbstmitgefühl und Selbstwertgefühl – aber konkret miteinander zusammen?
Hier kommt wieder die bereits erwähnte Psychologin Kristin Neff ins Spiel. In einer Studie mit 3000 Teilnehmer:innen konnten sie und Ihre Kolleg:innen einen starken Zusammenhang zwischen dem Selbstmit- und Selbstwertgefühl feststellen. Den Ergebnissen zufolge wirkt sich unser Vermögen Selbstmitgefühl aufzubringen, positiv auf unser Selbstwertgefühl aus – es macht es stabiler. Das Integrieren von Selbstmitgefühl in unseren Alltag kann daher ein probates Mittel dafür sein unseren Selbstwert zu fördern.
Zudem korreliert das Praktizieren von Selbstmitgefühl negativ mit Krankheitsbildern und Phänomenen wie Depression, Angst, Grübeln und selbstbezogenen negativen Emotionen. D.h. jenen Dingen kann über das Aufbringen von Selbstmitgefühl entgegengesteuert werden und damit letztlich auch unseren Selbstwert stabilisieren.
Weitere Studien zu der Thematik haben gezeigt, dass das Praktizieren von Selbstmitgefühl Aspekte wie Lebenszufriedenheit, Optimismus und emotionales Wohlbefinden fördert.
Es lässt sich also festhalten: der freundliche, liebevolle, verzeihende und akzeptierende Umgang mit sich selbst und allen dazugehörigen persönlichen Facetten – Stärken, Schwächen, Mäkeln, etc. – hat einerseits viele positive Auswirkungen auf das eigene Leben und das Miteinander und kann andererseits negativen Gefühlen und Aspekten entgegenwirken. Nicht zuletzt ist Selbstmitgefühl hilfreich bei der Festigung des Selbstwertgefühls und sollte daher im Rahmen der Selbstfürsorge nicht fehlen.
Möchtest du mehr zu weiteren Themen Rund um den Selbstwert erfahren? Schau dich einfach in meinem Blog um.
0 Kommentare