Warum es wichtig ist seine eigenen Stärken zu kennen

Juni 28, 2024 | 1 Kommentar

„Nennen Sie 3 Ihrer Stärken“ – Dieser Satz ist jeder bzw. jedem von uns sicherlich schon einmal im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs begegnet. Was zunächst als banale Frage oder Aufforderung erscheint, kann für einige Menschen tatsächlich gar keine solche sein.

Denn sich der eigenen Stärken zu bewusst sein und diese Stärken auch bestmöglich für sich zu nutzen und einzusetzen, ist gar nicht so leicht. Besonders schwierig ist dies, wenn wir von Selbstzweifeln geplagt sind.

Manche Menschen sind es auch nicht gewohnt, die eigenen Stärken und Fähigkeiten ins Licht zu stellen – und sich damit möglicherweise „angeberisch“ hervorzutun, darüber zu sprechen und zum Leuchten zu bringen.

In diesem Blogartikel möchte ich dir zeigen, dass jeder Mensch Stärken hat! Und jede:r – auch du – hat ein individuelles und einzigartiges Stärkenprofil. Dieses macht dich zu der Person, die du bist, und vor allem die du sein kannst!

Anhand von wissenschaftlichen Studien und Modellen möchte ich dir die Möglichkeit geben zu entdecken, was Stärken sind und wie du herausfindest, welche Stärken alle in dir stecken und gestärkt werden möchten.

Was sind Stärken überhaupt?

Es gibt viele verschiedene Definitionen von Philosoph:innen, Wissenschaftler:innen und Psycholog:innen dazu was Stärken sind. Eine lautet bspw. wie folgt:

„Stärken sind persönliche, überdauernde Muster von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Sie sind individuell, geben Energie und ermöglichen beste Leistung.“ (Biswas-Diener, 2010).

Einer anderen Definition des Wissenschaftlers Niemiec (2017) zufolge sind Stärken innere Antreiber und jederzeit aktivierbare Ressourcen, die:

– individuell und vielfältig

– keine Kategorien, sondern Dimensionen und

– kontextbezogen sind

Stärken lassen sich demnach eher auf einer Dimension bzw. entlang eines Kontinuums von “weniger” bis “mehr” abbilden, anstatt in Kategorien wie “ja” oder “nein”. Das bedeutet, dass jeder Mensch mehr oder weniger kreativ ist, anstatt, dass jemand entweder kreativ ist oder gar nicht.

Stärken können aber auch kontextabhängig variieren. Das heißt gewisse Situationen können dazu beitragen, dass du deine Stärken mehr oder weniger gut einbringen und entfalten kannst. Zum Beispiel berichtete mal eine Teilnehmerin aus einem meiner Workshops, dass sie in ihrem Privatleben selbstbewusst ist, wohingegen sie diese Stärke in ihrem letzten Job aufgrund gewisser Kontextfaktoren weniger ausleben konnte.

Stärken zeigen, Frau zeigt Muskeln

Schwächen angehen oder Stärken stärken?

Du hast sicher schon einmal mitbekommen, wie jemand gesagt hat “Bevor du an deinen Stärken feilst, solltest du erst einmal an deinen Schwächen arbeiten”. Dieser Meinung sind viele Menschen – tatsächlich hat es aber mehr Sinn, sich zunächst einmal gezielt auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Eine Studie mit 375 Proband:innen hat gezeigt, dass es sich lohnt, zunächst ein gewisses Reservoir an eigenen Stärken aufzubauen. Dies schafft man, indem man sich auf bewusste und bestehende Stärken konzentriert – und diese vor allem auf neue Weise und in neuen Kontexten einsetzt.

Ein Quäntchen Wahrheit liegt allerdings doch in dem anfänglich zitierten Ausspruch zu “bei den Schwächen ansetzen”. Wer seine Top-Stärken (später mehr dazu ) bereits regelmäßig und in hohem Maße im Alltag einsetzt, für den ist es eher lohnend, auf die weniger ausgeprägten Stärken (also Schwächen) zu schauen und diese aufzuwecken und in den Alltag zu integrieren.

Hier ergänzend ein bildliches Beispiel, das dir zeigen soll, was uns unsere Stärken bringen:

Mit Stärken verhält es sich, wie wenn du in einem Segelboot auf offener See sitzt und ein Leck entdeckst. Wenn du nicht untergehen willst, ist das Flicken des Lecks notwendig und hat Vorrang. Doch das allein reicht nicht, um dein Ziel zu erreichen. Du musst dafür auch die Segel richtig setzen. Stärken sind wie der Wind in den Segeln. Sind die Segel gesetzt, dann gewinnt das Boot schnell an Fahrt und bringt dich deinen Zielen und Wünschen näher.

Warum wir so wenig von eigenen Stärken sprechen und warum wir das ändern sollten?

Vor allem in Deutschland erlebe ich es immer wieder, wie komisch andere Menschen darauf reagieren, wenn man von seinen Stärken spricht, und besonders wenn dies Frauen tun (aber das ist ein anderes Thema). Gründe, warum manche Gesellschaften so wenig auf Stärken fokussieren, können sein:

  • Genetik/Evolution: der Fokus auf Gefahren führt zur Vorsicht und Zurückhaltung, was wiederum zu höherer Überlebenschance führt. Deswegen neigt unser Gehirn dazu, eher Probleme und negative Reize zu erkennen, wodurch wir das Übrige eher ausblenden
  • Soziale Normen: kulturelle Normen, wie Angst vor starker Ichbezogenheit und unnötigen Selbstlob, verhindern, dass wir frei über unsere Stärken sprechen
  • Fehlendes Bewusstsein: vielen sind eigene Stärken gar nicht bewusst, da die wenigsten in einer positiven Feedbackkultur aufgewachsen sind.

Warum sollten wir diesen fast schon tabuisierten Umgang mit Stärken ändern?

Wenn wir unsere Stärken erkennen, sind wir glücklicher!

Studien haben gezeigt, dass das Erkennen eigener Stärken in einem hohen Maße mit subjektivem Wohlbefinden und geringer Depression zusammenhängt. Stärken wie Mut, Freundlichkeit und Humor sind mit schnellerer Erholung von Krankheiten verbunden. Außerdem haben sich Psychotherapien mit einem expliziten Stärkenfokus als wirksamer erwiesen als herkömmliche Therapien mit Antidepressiva.

Die 24 Charakterstärken nach Seligman und Peterson

Der Urvater der positiven Psychologie, Martin Seligman, hat mit seinem Kollegen Christoph Peterson lange danach recherchiert und geforscht, ob es universell gültige Stärken gibt, die den Charakter ausmachen. Dafür haben sie in verschiedensten Kulturen religiöse Texte, Kinderbücher, Liedtexte, Literatur und vieles mehr betrachtet und kamen am Ende ihrer Nachforschungen auf 24 Stärken. Sie sprechen von Charakterstärken, die in unterschiedlichen Ausprägungsgraden ein einzigartiges Profil ergeben. Die 24 Charakterstärken haben Seligman und Peterson zu 6 Stärkenfamilien zusammengefasst. Hier findest du sie noch einmal übersichtlich dargestellt:

charakterstärken nach seligman

Wenn du wissen möchtest, welche Charakterstärken in dir stecken, dann kannst du den kostenfreien Test hier machen. Auf der Seite von Seligman und seinem Forschungsinstitut findest du noch viele weitere spannende, frei zugängliche und vor allem validierte Tests.

Falls du den Test schon absolviert hast, habe ich folgende ergänzende Info für dich: Die Charakterstärken, in denen du die stärkste Ausprägung hast, sind deine Signaturstärken. Diese – ich nenne sie gerne auch ‚Top-Stärken‘ – zeigen sich laut des Tests häufiger in deinem Verhalten. Sie sind eine Momentaufnahme, d.h. sie sind leicht veränderbar, im Allgemeinen aber stabil (3 von 4 Personen weisen nach 6 Monaten dieselben 5 Top-Stärken vor). Studien haben gezeigt, dass Personen, die sich mit ihnen identifizieren und sie einsetzen, authentischer leben sowie mehr Freude, Erfolg, Kreativität und Energie spüren.

Der Test zu den Charakterstärken nach Seligman und Peterson ist selbstverständlich nicht der einzige Test zu diesem Thema. Es gibt eine Vielzahl von Tests, die dir wertvolle Hinweise zu deinen Stärken liefern können. Weitere Stärken-Tests sind zum Beispiel das CliffordStrengths Assessment vom Gallup Institute (leider kostenpflichtig) oder der Meyers-Briggs-Test (kostenfrei). Schaue, wenn du magst, gerne auch einmal dort und absolviere vielleicht auch diese. Im besten Fall ergibt sich dabei ein noch kompletteres Bild zu deinem Stärkeprofil.

Jetzt kenne ich meine Stärken und nun?

Was kannst du jetzt mit dem Wissen über deine Stärken anfangen? Zum einen ist es schon einmal hilfreich, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein. (Vielleicht stimmst du auch nicht mit den Testergebnissen komplett überein, dann könnte es interessant sein, sich zu fragen, was das für dich bedeutet, und vielleicht besprichst du es mit Freund:innen). Und zum anderen wissen wir spätestens nach der Lektüre dieses Artikels, dass es sinnvoll ist, seine Stärken einzusetzen und vor allem auch in neuartigen Kontexten zu entfalten – um nicht nur erfolgreicher, sondern um – und das ist noch wichtiger – glücklich(er) zu sein.

Hier habe ich noch einmal 8 hilfreiche Tipps dazu, wie du dich aktiv um die Stärkung deiner bereits bestehenden Stärken bemühen kannst:

8 Tipps, um aktiv deine Stärken auszubauen:

  • Mache dir deine Stärken bewusst, zum Beispiel mithilfe des bereits angesprochenen Tests
  • Besprich deine Ergebnisse oder deine selbst reflektierten Stärken mit Freund:innen, Kolleg:innen oder Familienmitgliedern
  • Frage auch andere aktiv nach ihrer Einschätzung, wo ihrer Meinung nach deine eigenen Stärken liegen (wir wollen ja mehr Stärkenfokus im Alltag ) wink
  • Fokussiere dich zunächst mehr auf deine Stärken und stärke diese, anstatt dich auf deine Schwachstellen zu konzentrieren.
  • Mache dir auch im Alltag deine Stärken bewusst
  • Traue dich ruhig auch mal verrückt zu sein und nutze deine Top-Stärken auch mal in anderen Kontexten und Situationen
  • Sprich über deine Stärken (wenn die Situation passend ist)
  • Ermutige andere, über ihre Stärken nachzudenken und zu sprechen

Wenn du diese Tipps befolgst, wird es dir recht schnell viel einfacher fallen dir deiner eigenen Stärken bewusst zu sein und diese zu aktivieren. Die Beantwortung der Frage zu deinen Stärken in einem Jobintrerview oder einer Vorstellungsrunde wird das Mindeste sein, das dir ab dann keine Probleme mehr bereitet. smile

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1 Kommentar

  1. Hallo liebe Isabelle,

    vielen Dank für diesen wertvollen Betrag! Ich finde es super wichtig, dass Menschen sich mehr auf ihre Stärken fokussieren, anstatt immer nur die Schwächen im Blick zu haben.

    Mach weiter so!

    Lena

    Antworten

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Hi,

ich bin Isabelle, Coachin, Beraterin für Eignungsdiagnostik und Gründerin von Female Confidence. Als Expertin in Sachen Selbstwert und positive Psychologe ist es mir eine Herzensangelegenheit Frauen zu empowern und sie mit meinem Wissen, meiner Erfahrung und Expertise auf dem Weg zu mehr Selbstliebe und Selbstbewusstsein zu begleiten.